Tag 29 im Westen geht die Sonne unter 

Ihr lieben Menschen,

Ich hatte diese Nacht kaum geschlafen, da ich wohl recht aufgeregt war und irgendwie nicht so richtig in den Schlaf fand. Also entschied ich mich gegen 2:00 Uhr nachts erst einmal meine Füße abzukleben. Das würde mir sicherlich Zeit sparen am Morgen. Unser Wecker sollte um 6:00 Uhr klingeln und so schlief ich am Ende circa 3 Stunden. Als der Wecker klingelte, war ich ziemlich k.o. Jedoch trieb mich mein innerer Schweinehund in die Höhe, so dass ich nach dem ersten Kaffee einigermaßen fit für den Tag war. Wir starteten gegen 7:15 Uhr, da wir nicht genau wussten, welches Wetter wann kommen würde. Zunächst war Wärme angekündigt und vor allem sonniges Wetter, aber es sollte auch später Gewittern. Mir war es sehr wichtig, dass ich nicht bei Gewitter die Tour beenden würde, und so ließen sich alle darauf ein, dass wir zeitig los kamen. Es war ein komischer Moment, die Wanderstiefel ein letztes Mal zu schnüren. Ein letztes Mal startete ich auf meine letzte Etappe. Ein bisschen hänge ich diesen Gedanken nach, als wir die ersten Kilometer bewältigten. Meine Füße waren im Dauerzustand Schmerz, aber ich muss sagen, es war erträglich und die Vorfreude auf das Ende reduzierte für mich die Belastung. Ich weiß, dass es für Außenstehende sehr schwer nachvollziehbar ist, aber Schmerz ist nicht grundsätzlich negativ. Vielmehr gehört es irgendwie zu einer solchen Tour dazu und da ich körperlich gesehen, das Problem mit der Blasenbildung habe, weiß ich, dass es mich ereilen kann. Trotzdem ist es so, dass ich wegen Schmerzen nicht unbedingt gleich aufgeben möchte. Zudem wäre mir ja dann doch echt viel entgangen. Die Sonne war wie eh und je gnadenlos und die Temperaturen stiegen stark an. Zudem spürten wir, dass sich etwas zusammen brodelte, da die Luft eher drückend und sehr anstrengend war. Zum Glück kamen wir mit dem Gewitter nicht in Kontakt und ich kann euch sagen, bisher hat es auch noch nicht gewittert. Eine größere Pause machten wir nach circa 8 km bei einem Bäcker. Dort tranken wir Kaffee und frühstückten wir. Wir liefen weiter und brachten Kilometer für Kilometer hinter uns. Da wir immer mal wieder anhalten mussten, um zu trinken und ein bisschen Schatten zu nutzen, dauerten die Schritte doch ein bisschen länger. Wir bauten auch die ein oder andere Pause ein und aßen Äpfel, Müsliriegel und was sonst noch so in den Taschen zu finden war. Eine tolle Erfrischung brachte uns ein Kiosk, der Eis verkaufte. Corina schmiss eine Runde und wir entspannten uns bei ein bisschen erfrischend Eis. Umso näher ich dem Ende kam, desto emotionaler wurde ich innerlich. Ich spürte, dass es Zeit war, die Tour zu beenden und doch ist es immer wieder Schade, wenn ein solches Projekt sein Ende findet. Ein besonderer Moment war für mich, als wir die Gemeinde Selfkant betraten. Das war ein Ort gewesen, den ich so wahnsinnig weit weg gesehen hatte und nun war ich selbst dort. Auch wenn dieser Ort eigentlich für mich bis vor einigen Monaten noch gar keine Bedeutung hatte, so war die Bedeutung heute viel schwerer. Als wir dann auch noch den Ortsteil Isenbruch erreichten, der letzte Ort vor der Grenze, wusste ich, es ist nicht mehr weit. Ein paar 100 m vor dem Steg, dem das Schild mit dem westlichsten. Angebracht ist, erreichten, stieß noch eine Freundin zu unserer Gruppe dazu. Beim Steg selbst wartete bereits meine Mutter auf uns und so liefen wir zu dem Lied go West gemeinsam auf den Steg. Für mich war es ein sehr emotionaler Einzug und doch war ich sehr überfordert mit der gesamten Situation. Man überlegt sich oft, wie der Moment wohl sein würde und dann ist es doch ganz anders. Mich berührten die Reaktionen meiner Mitstreiter und Mitstreiterinnen, die emotional ergriffen waren. Der Moment das Schild zu berühren, berührte auch mich persönlich sehr. Es war viel geschehen in den letzten Wochen, und ich hatte immer wieder daran gezweifelt, ob es eine gute Idee war, diese Reise anzutreten und doch gab es immer mindestens einmal diesen Moment an jedem Tag, wo ich wusste, warum ich so etwas tat. Heute war der größte Moment: ich habe es geschafft. Über 900 km liegen hinter mir. 900 km voller Freude, voller Kampf, voller toller Gespräche, voller Schweigen, viel geschwitzt, viel gefroren, viel durchgeregnet, viel Sonnenbrand und am allerwichtigsten viele neue Erkenntnisse für mich selbst und für das Leben. Ich möchte mich von ganzem Herzen bei euch allen bedanken, dass ihr Teil meiner Reise geworden seid. Es ist ein unfassbar starkes Gefühl, so etwas geschafft zu haben und doch braucht es Zeit, um es zu realisieren und zu verstehen. Liebe Corina, du warst zum zweiten Mal dabei und es hat mich wahnsinnig berührt, wie wir uns kurz vor Kassel verabschiedet hatten. Du hast da schon gesagt, dass du sicher bist, dass ich es schaffen werde. Das hat mir immer wieder Mut gemacht, wenn ich persönlich den Mut nicht hatte. Du bist ein unfassbar toller Mensch und von dir konnte ich bereits schon sehr viel lernen und werde ich noch viel lernen können. Danke dafür. Lieber Frank, ich habe mich sehr gefreut, dass du mich vier Tage lang begleitet hast. Deine Art, mich zum Lachen zu bringen und Situationen aufzulockern, ist einfach eine ganz besondere Eigenschaft von dir. Ich finde es toll, dass wir so viel Zeit zusammen hatten und bin froh, dass wir über unsere gemeinsame Leidenschaft des wandern uns kennen lernen konnten. Danke, dass du Teil der Reise geworden bist. Lieber Jens, auch dir möchte ich danken, dass du die letzten vier Tage dabei warst und wir viel Zeit zusammen hatten. Ich danke dir für die schönen Gespräche und die Ablenkung bei langen Kilometern. Es ist schön, dass wir uns immer besser kennen lernen durch die ganzen sportlichen Ereignisse, die wir zusammen bestreiten. Ich freue mich auf weiteres. Lieber Max, du warst zwei Tage dabei und hast die längste Distanz bewältigt, die du bisher in deinem Leben gemacht hast. Du warst über 60 km dabei und hast dich durchgebissen und mich persönlich damit sehr beeindruckt. Ich bin sehr stolz auf dich und hoffe, dass du ein bisschen das Feuer des Wanderns für dich entdecken konntest. Ich freue mich auf all das, was kommt und bin froh, dass du Teil meiner Reise geworden bist und natürlich auch im Hintergrund mich immer wieder unterstützt hast. Ich freue mich auch darauf, dass du weiterhin den Wahnsinn mit mir machst. Und nun gilt auch mein dank den Menschen, die heute Abend dazugekommen sind, beziehungsweise am Steg waren. Dazu zählt eine gute Freundin und ihr Partner und natürlich meine Mama. Es ist auch im Erwachsenenalter etwas ganz besonderes, wenn die eigene Mutter an solchen Erfolgen teilnimmt und dabei ist. Das bedeutet mir die Welt.

Für alle, die es interessiert, ich habe am Ende 897,5 km auf dem Tacho gehabt. Dabei habe ich bestimmte Distanzen nicht eingerechnet, so dass ich ganz frech sagen kann, dass ich circa 900 km unterwegs war. Eine Zahl, die ich selber unvorstellbar finde, ich aber anscheinend gegangen und mit dem Tandem gefahren bin. Heute Abend haben wir in der Pension grenzenlos Abend gegessen und schöne Gespräche geführt und herzlich gelacht. Nun machen sich alle auf in ihre Richtungen, und die OstWest Durchquerung ist Geschichte, ein Kapitel meines ganz persönlichen Lebenswerkes. Von ganzem Herzen Danke für alles, was ich erfahren durfte und hoffentlich noch erfahren werde.

Eure Anni